Fahrgast rausgeschmissen
St. Gallen October 23rd. 2007, 16:11Immer das Gleiche mit dieser Art von Fahrgästen! Der Typ sass in meinem Rheintalexpress ab St. Gallen und wir bewegten uns gegen Rorschach zu. Nachdem er mich zuerst mal ein wenig ignorierte, antwortete er auf meine dritte Aufforderung, das Billett zu zeigen. Leider verstand ich seine Sprache nicht (es tönte osteuropäisch). Entweder er stellte sich einfach nur dumm, oder er sprach wirklich weder deutsch, noch englisch, noch französisch. Die beiden Wörter “Billett” und “Ticket” schien er nicht zu kennen. Anfangs sprach er noch mit eher leiser, ruhiger Stimme.
Urplötzlich jedoch stand er auf und schrie durch den ganzen Wagen “Arschloch” (anscheinend konnte er doch ein wenig deutsch) und beschimpfte mich in seiner Sprache. Gleichzeitig fuchtelte er mit seinen Händen durch die Gegend. Ich schätzte das Gefahrenpotential, welches von diesem Mann ausging, als hoch ein.
Ich verlangte einen Ausweis. Doch er spielte wieder das gleiche Spiel: “Ausweis”, “Passport”; diese Wörter schien er noch nie gehört zu haben. Mir wurde es allmählich zu doof und deshalb nahm ich mein Handy hervor. Ich wusste, dass es rein gar nichts bringen würde, die Bahnpolizei zu rufen, da diese eh nicht in der Nähe ist. Aber vielleicht konnte ich den Herrn damit zum Einlenken bewegen. Vielleicht würde er nachgeben, sobald er kapiert, dass ich mit der Polizei spreche. Leider bestätigte sich im Gespräch mit der Bapo-Zentrale, dass die Zeit nicht reicht, um bis Rorschach eine Bapo- oder Kapo-Patrouille zu organisieren. Auch liess sich der Schwarzfahrer von meinem Telefonat nicht beeindrucken. Ich überlegte mir, was ich nun tun könnte, als ein älterer Herr vorbei lief, um auf die Toilette zu gehen. Im Vorbeigehen sagte er nur: “Das huere Saupack müesst me verschüsse!”
Dadurch war der schwarz fahrende Herr für einen Moment abgelenkt und verwirrt. Ich nutzte den Moment aus, schnappte mir seinen Rucksach, begab mich in den nächsten Wagen, schloss die Übergangstüre und suchte nach einem Ausweis oder etwas ähnlichem. Leider befanden sich nur Bier- und Weinflaschen sowie ein paar Rüebli in dem Rucksack. In dem Moment fuhren wir auch schon in Rorschach ein. Ich ging zurück, um dem Schwarzfahrer klar zu machen, dass er nun auszusteigen habe. Als er dies nicht tat, schloss ich alle Reissverschlüsse des Rucksacks und beförderte diesen im hohen Bogen aus dem Zug. Man hörte, wie alle die Glasflaschen auf dem harten Perronboden zu Bruch gingen. Kurz darauf roch man auch schon den Alkohol. Nun wusste er, dass ich nicht spasse, nicht zimperlich bin und notfalls härter durchgreifen werde.
Noch immer machte der Schwarzfahrer keine Anstalten, auszusteigen. Doch dann kam der Herr von vorhin von der Toilette zurück. In der Hand hielt er einen Pfefferspray. “Wetsch selber usstiege oder muessder helfe?”, sagte er nur. Da stieg der Schwarzfahrer aus. Er fluchte lauthals in seiner Sprache, es fiel jedoch immer mal wieder das Wort “Schweiz”. Keine Ahnung, was er uns mitteilen wollte. ;o)
Gegen Ende des Tages stiess ich auf ein Zweierteam der Bahnpolizei. Ich kannte die beiden von früeheren Begegnungen und erzählte ihnen die Geschichte von A-Z. Ich erwähnte dabei auch das Durchsuchen des Rucksacks, das Hinauswerfen des Rucksacks in Rorschach und den Pfefferspray des anderen Fahrgastes. Sie lachten nur und erzählten von ähnlichen Geschichten, welche ihnen von anderen Kondukteuren zugetragen wurden.
Die Bahnpolizisten waren der Meinung, dass man nur durch hartes Durchgreifen das Tun dieser “saufrechen Typen” (Zitat Bapo) stoppen könne und gutierten, dass es solche Menschen wie mich gäbe, welche nicht einfach weiter gehen, sondern sich um diese Menschen “kümmern”. Dies motivierte mich natürlich, in zukünftigen ähnlichen Situationen wieder genau gleich zu handeln. :)
Übrigens: Wir vom Zugpersonal dürfen keine Pfeffersprays auf uns tragen. Weshalb die SBB nicht will, dass wir uns im Ernstfall verteidigen können, ist mir mehr als schleierhaft und ich bin der Meinung, wer gelernt hat, mit einem Pfefferspray umzugehen (was bei mir der Fall ist; ich besitze privat einen), sollte ihn auch während der Arbeit tragen dürfen.
Bild © smarthome.com
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October 23rd, 2007 at 16:21
Mein Beileid! Ich hoffe, Du kannst «Deine» renitenten Fahrgäste richtig einschätzen, denn nicht jeder wird sich gefallen lassen, dass man sein Eigentum aus dem Fenster wirft und dabei allenfalls auch noch beschädigt …
Zum Pfefferspray: AFAIK argumentieren die SBB, man wolle nicht provozieren. So ähnlich argumentieren übrigens ja auch jene, bei denen noch nie eingebrochen wurde, die anderen sind vorbereitet … :->
October 23rd, 2007 at 20:03
Ich lese ab und zu bei dir. Du bist in deinem Beruf sehr engagiert und das ist sehr lobenswert. Du nimmst aber auch alles persönlich und denkst, du müsstest alle Probleme in deinem Zug selber lösen. Wenn ein Fahrgast sich strafbar macht, sollte das nicht dazu führen, das du Dinge tust, die du besser nicht tun solltest. Ich würde das der Polizei überlassen, oder selber zur Polizei wechseln.
October 24th, 2007 at 08:47
immer wieder interessant wie der Alltag als Zugbegleiter bei der SBB so ist.
Betr. Pfefferspray, schön wenn man weiss wie man ihn benützt. (ist auch nicht weiter schwierig)
Der Griff zur Dose ist leider meistens schnell getan, nur nachdem ein Opfer getroffen ist, sollte man so fair sein ihm auch zu helfen (Reinigen, Notartzt, etc.) bzw, bei gewissen Mitmenschen darauf gefasst sein das diese dann erst recht wie ein wilder Stier wüten. Denn Pfefferspray wirken nicht bei allen gleich, es gibt sogar Leute die sind recht “immun” dagegen…
October 24th, 2007 at 09:25
Über diesen „Fahrgast“ muss man sich ja nicht weiter unterhalten. Aber hat dir die Bahnpolizei auch gesagt, dass das Entwenden und Durchsuchen des Rucksackes deinerseits klar illegal war?
Wie weiter oben Ralf schon schrieb, du bist in deinem Beruf sehr engagiert und das ist lobenswert, aber denk daran auch selber keine Angriffsflächen zu bieten. Dein Handeln war meiner Meinung nach hier nicht korrekt. Obwohl, zugegebenermassen, ich weis nicht was ich getan hätte. Aber mach dich selber nicht strafbar. Ich würde es niemals zulassen das jemand anderes als die Polizei und nur die Polizei hat dieses Recht, mich oder meine Sachen durchsucht.
Weiter muss man auch immer die Verhältnismässigkeit im Auge behalten.
October 24th, 2007 at 11:22
Es ist richtig, dass ich nicht unbedingt zu jenen gehöre, welche den Problemen aus dem Weg gehen… ;o) Natürlich hätte ich diesen Fahrgast lieber der Polizei überlassen; aber wie gesagt, die war in Rorschach nicht zur Stelle.
Also hatte ich gerade noch zwei Möglichkeiten: Den Herrn gratis bis zur gewünschten Destination fahren lassen (was hätten die anderen Fahrgäste dabei gedacht?) oder den restlichen Fahrgästen (und natürlich auch dem Herrn) zeigen, dass wir solches Verhalten und Schwarzfahrer nicht dulden.
Oftmals müssen wir innert weniger Sekunden / Minuten entscheiden, wie wir handeln sollen. Dass man dabei auch mal etwas tut, das man im Nachhinein anders gelöst hätte, kommt natürlich vor.
October 24th, 2007 at 11:31
Vielleicht hilft eine neue Uniform, solchen Gästen Herr zu werden?
Schau hier :-) » http://www.amazon.de/Halloween-Gore-Store-Muskelkost%C3%BCm-Erwachsener/dp/B000SIPICE
October 24th, 2007 at 11:37
Vielleicht müsste man eher lernen, wie man Personen durch Gedanken steuert…
Übrigens: Ja, es gibt eine neue SBB-Uniform, noch vor der Euro08. Jedoch ist es eher unwahrscheinlich, dass sie so aussieht wie deine. :)
October 25th, 2007 at 11:08
Ich bin jeweils froh, wenn die Zugbegleiter nicht bloss Tickets kontrollieren, sondern eine Zug auch tatsächlich «begleiten», das heisst insbesondere auch gegen störende Passagiere vorgehen. Welche Mittel dafür angemessen sind, ist im Einzelfall zu entscheiden … wobei zu beachten ist, dass sich die Passagiere früher oder später selbst zur Wehr setzen, was sicherlich nicht erwünscht ist.
October 25th, 2007 at 11:40
Das Problem ist auch, dass wir es eigentlich nie wirklich “richtig” machen können, beziehungsweise, dass es eine “richtige” Vorgehensweise gar nicht gibt.
Egal ob der Zugbegleiter nun eine eher strenge Linie verfolgt (wie es bei mir der Fall ist) oder eine Laisser-Faire-Politik: Es gibt immer mehrere Mitreisende, welche genau dieses Vorgehen als falsch (oder ungerecht, übertrieben, rassistisch, wie auch immer) empfinden. Menschen sind verschieden und so sind es auch deren Meinungen.
Erfahrungen in der Westschweiz haben jedoch gezeigt, wohin eine Laisser-Faire-Kontrolle führen kann: Dort sind nach Aussagen von Westschweizer Kollegen etwa 5mal mehr Züge durch die Polizei begleitet und Stichkontrollteams können ihre Tätigkeit abends teilweise nur noch unter Polizeischutz ausführen. Ich gebe mein Bestes, dass es in der Deutschschweiz nicht auch noch so weit kommt, indem ich Auswüchse, welche in diese Richtung führen könnten, möglichst rasch unterbinde.
February 26th, 2008 at 16:19
Andreas
Ich bin immer mehr der Meinung (als Zugreisender), dass man knallhart durchgreifen müsste. Ein Glück, dass es noch beherzte Mitreisende gibt, da das Zugpersonal, ohne genügend Autorität zu haben, bei Fehlen der Polizei ja kaum etwas ausrichten kann.
Nur ist das Risiko gross, dass (gegen die Vorschriften) energisch werdende Kondis unter Umständen eher das Ziel von physischen Attacken werden können.
Laisser-faire ist dagegen vor allem gegenüber den korrekten Reisenden auch keine Lösung.
Gumbo
February 26th, 2008 at 16:29
Genau da liegt das Problem: Uns sind die Hände gebunden. In dem Moment, wo wir einen Fahrgast berühren, machen wir uns fast schon strafbar. Laisser faire hingegen fördert solches Verhalten, wie der oben beschriebene “Gast” an den Tag legte, weil die Leute so merken, dass wir ihr Verhalten dulden.