Bahnhof als Jugendtreff missbraucht
Im Bieler Tagblatt vom 11. Oktober 07 wird ein bekanntes Ärgernis angesprochen: Bahnhöfe, welche abends zu Jugendtreffs werden. Ich habe darüber bereits vor einiger Zeit geschrieben: Chur: Partys in der Bahnhofunterführung
Im Beispiel des Bieler Tagblatts geht es um den Bahnhof Busswil (Karte). Abends veranstalten Jugendliche dort Saufgelage, schmeissen leere Bierflaschen herum, spielen laute Musik ab, johlen und feiern. Traurig aber wahr: Auch Zehnjährige sind dort anscheinend schon mit von der Partie.
Anwohner erzählen von regelrechtem Jugendtourismus (man könnte es auch “Sauftourismus” nennen): Kinder und Jugendliche aus den umliegenden Dörfern fahren abends nach Busswil, um sich zu vergnügen, und reisen mit dem letzten Zug wieder zurück. Ihre Notdurft verrichten sie dabei in der Bahnhofunterführung, das Erbrochene liegt dann auf den Gehwegen.
Markus Stauffer, Leiter Sicherheitsberatung der Kantonspolizei Bern, warnt jedoch vorausschauend schon mal vor Aktionen in Eigenregie. Das bringe nichts und man gefährde dabei vorallem sich selber. Nun, anscheinend hat die Berner Polizei die Lage nicht im Griff. (Weder im Bahnhof Busswil noch auf dem Bundesplatz.) Kein Wunder, greifen die Anwohner irgendwann zur Selbstjustiz.
Man könnte sich jetzt fragen, wo denn die Ursache für diese Jugendproblematik liege. Ist es die Erziehung, wie ich es vermute (siehe: Gewaltbereitschaft der Jugendlichen) oder sind es vielleicht wirklich gewisse Nationalitäten, wie es die grösste Schweizer Partei vermutet? Vielleicht existiert die Jugendproblematik ja auch gar nicht; diesen Eindruck könnte man haben, wenn man auf der Homepage der SP Schweiz nach “Jugendproblematik” “Jugendkriminalität” sucht:
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Bilden sich die Leute in Busswil das alles also nur ein?
Was ist zu tun?
Während Psychologen, Sozialarbeiter und Pädagogen das Phänomen zu ergründen versuchen, herrscht eine gewisse Ratlosigkeit, was dagegen zu tun wäre.
Ein wichtiger Punkt wäre in meinen Augen die Prävention. Bahnhöfe müssen besser beleuchtet werden (in Sargans und Landquart führte dies zu deutlich weniger Jugendlichen, welche sich abends auf dem Perron aufhalten) und Überwachungskameras müssen flächendeckend eingesetzt werden. Natürlich müssen bei den Kameras der Datenschutz eingehalten und die Bänder nach einer gewissen Zeit gelöscht werden.
Ausserdem sollten die Kinder in geordneten familiären Verhältnissen aufwachsen.
Wenn dann doch mal ein Delikt begangen wird, muss unverzüglich eine Strafe folgen, selbst bei einem noch so kleinen Delikt. Den Kindern und Jugendlichen muss klar gemacht werden, dass sie etwas verbotenes getan haben und nun dafür gerade stehen müssen.
Auch politisch sollte sich in meinen Augen einiges ändern. Die Polizeikorps müssen aufgestockt und das Gesetz genauer und strenger umgesetzt werden. Die Sanktionen sollten härter sein, denn im Moment tragen sie dem Rechtsempfinden vieler Bürger bei weitem nicht Rechnung.
Das Beispiel Sarkozy in Frankreich zeigt, wie es gemacht werden könnte. Innert kurzer Zeit hat sich die Sicherheitslage spürbar verbessert, verstärkte Prävention und Polizeipräsenz sowie härtere Strafen für Delinquenten zeigen ihre Wirkung.
Dann würde vielleicht auch im Bahnhof Busswil wieder Ruhe einkehren.
Bild © esag-lyss.ch

Martin am 17.10.2007 um 16:15
Was soll daran falsch sein? Jugendliche treffen sich immer. Dass dabei gefeiert, gesoffen, gelacht, Musik gehört und gekotzt wird (Pardon), ist normal. Was hat die Polizei damit zu tun? Die Jungen begehen ja keine grösseren Delikte. Anstatt Repression zu fördern, sollte eher mehr dafür getan werden, dass sich die Jugendlichen wo anders als am Bahnhof treffen können. Bahnhöfe liegen eben zentral, sind erleuchtet, bieten Sitzgelegenheit und ein Dach, und sind Treffpunkte für alle. Was tun, wenn der Bahnhof weit und breit der einzige öffentliche Ort ist, der ein Beisammensein ermöglicht? Die Polizei soll sich mit wichtigerem beschäftigen, als dort Repression zu üben, denn “feiern” kann zwar manche stören, hat aber mit Kriminalität gar nichts zu tun. Und mit Bundesplatz & co. erst recht nicht. Das “Jugendproblem” in Busswil ist eine lokale Angelegenheit, die auch so gelöst werden muss. Den Jugendlichen einen alternativen Treffpunkt anzubieten ist die intelligentere Investition, als einen Repressionsapparat aufzubauen, der nur zu mehr Konflikten führt.
Andreas (schweizweit.net) am 17.10.2007 um 17:06
Dieses Argument hört man immer wieder. Man soll den Jugendlichen (mit Steuergeldern finanzierte?) Treffpunkte anbieten, Jugendtreffs bauen etc.
Doch: Gab es solche Angebote früher auch schon? Sagen wir mal, so vor 20, 30 oder mehr Jahren? Meines Wissens nicht. Damals wussten die Jugendlichen sich noch selbst zu beschäftigen. (Mit sinnvollen Sachen, wohlgemerkt.) Ich denke, es gibt in allen Regionen der Schweiz genügend Vereine, wo sich die Menschen sinnvoll engagieren können. Da braucht es keine staatlich, kantonal oder kommunal finanzierte Treffpunkte, wo die Jugendlichen “ab- und rumhängen” können.
Casa am 20.10.2007 um 17:12
nur mal so als information:
wenn man auf der homepage ihrer heissgeliebten svp nach “jugenproblematik” sucht, bekommt man ebenfalls keine ergebnisse.
also hören sie auf mit dieser propagandascheisse.
es grüsst
casa
Andreas (schweizweit.net) am 20.10.2007 um 17:54
Eigentlich meinte ich “Jugendkriminalität”. Da habe ich mich mit “Jugendproblematik” wohl verschrieben.
Ich denke, man muss sich des Problems bewusst sein und auch etwas dagegen unternehmen. Es einfach zu übersehen, nicht zu beachten und als “Propagandascheisse” zu betiteln, löst das Problem nicht; im Gegenteil.
Casa am 20.10.2007 um 18:07
Eigentlich wollte ich viel mehr schreiben aber meine tastaturmacht mir probleme, weswegen die ganze aktion etwas mühsam ist. ich finde es einfach unpassend bei so einem thema noch werbung für diesv zu machen bzw die sp zu verunglimpfen.
In meinem Ort haben wir auch einen jugendtreff und ich als jugedlicher ging dort nie hin. Sie haben so eine dumme anti-alkohol politik. dabei sollte man, natürlich im rahmen der gesetzlichen alterslimite, den jugedlichen die chance geben selbst mit dem alkohol umgehen zu lernen. Das sommercasino basel ist da ein gutes beispiel.
ausserdem erreicht man mit einem jugendtreff längst nicht alle jugendlichen. das program ist einfach zu einseitig und nicht auf die bedürfnisse der jugendlichen ausgelegt.
die situation, welche vor 20-30 jahren herrschte, ist einfach nicht die selbe wie heute. ich mus dir aber recht geben, dass so ein jugendtreff nicht in staatliche oder kirchliche hand fallen sollte, sondern in private. nämlich in die hand der jugendlichen selber. evtl mit staatlicher unterstützung und beratung
es grüsst
Casa
loner am 21.10.2007 um 09:35
Ich - selbst noch als Jugendlicher zu bezeichnen - verstehe die Überlegungen hinter den Eindämmungsmassnahmen gegen dieses Herumhängen sehr wohl. Bahnhöfe sind zwar öffentlicher Raum, aber primär als Drehscheibe für Ankommende und Abreisende zu sehen und nicht als Treffpunkt für Dinge, die nichts mit der Bahn zu tun haben. Das ist heute leider nicht mehr so und so ist es sogar am einem ländlichen Bahnhof im Emmental zum massiven Problem geworden, dass sich Jugendliche dort am Wochenende treffen.
Die Auswirkungen sind am nächsten Morgen erschreckend klar: Versaute Perrons, überall liegen Bierflaschen und leere Verpackungen herum. Letzte Woche war in Langnau i.E. der Billettentwerter zerstört, ein ganzer Haufen kleine Abschnittchen lagen am Boden zerstreut. Gestern war auf der einen Seite einer Infotafel die Plastikabdeckung in Einzelteilen am Boden etc.
So wenig ich ins Gesamtbild der heutigen Jugend passe, so wenig Verständnis zeige ich für das momentan überall gelebte “laisser faire”. Wichtig ist ganz klar, dass öffentlicher Raum weiterhin ohne Beeinträchtigung benutzt werden kann (In Bern ists zeitweise recht schwierig, von einer Tramhaltestelle zum Perron am Bahnhof zu kommen, ohne Bettlern, Alkoholikern oder Unterschriftensammlern ins Gehege zu kommen). Leider ist es heute soweit gekommen, dass für Jugendliche vorgesehene Angebote zu stark pauschal in eine Langweiligkeits-Schublade gesteckt werden. Bleibt abzusehen, wie sich das Ganze in den nächsten Jahren ändern wird. Hoffentlich in Richtung Ordnung statt Chaos.
ICE am 22.10.2008 um 21:21
Ich habe großen Respekt vor allen Meinungen,trotzdem muss ich hier feststellen,dass dieser (und auch andere) Artikel wohl einen Hang zur SVP hat.Das geht mich zwar nichts an,aber als Deutscher fühlt man sich in der Schweiz oft etwas unerwünscht,wenn man zb ein Zürich ein SVP-Wahlplakat sieht.Das scheint auch in diesen Blog etwas einzufließen,auch wenn das sicher nicht so gewollt ist.Entschuldigung,ist aber meine Meinung.
Sandra-Lia am 23.10.2008 um 10:51
Haja, die Welt verkommt.. Was solls. Macht weiter so. Fahrt die Menschheit vor die Wand, die Umwelt, der Finanzsektor - ah Entschuldigung, das haben wir ja schon geschafft!
Fakt ist, dass dies alles durch die Menschen entstanden ist, die nur Optimismus kennen, weil sie glauben, es kommt ja dann schon gut.. das Ergebnis ist offensichtlich ein anderes. Ein bisschen mehr Realismus würde wohl nicht schaden, dann hätte man auch vor 30 Jahren schon erkannt, das Menschenkinder erzogen werden müssen, und nicht einfach vor die Glotze gesetzt werden können.
Es ist halt nun mal so, das wir nun das ausbaden müssen, was die Optimisten unter uns nie wahrhaben wollten, und immer glaubten, das wäre nicht so. Selbst jetzt, wo die Realitäten teilweise schon geschaffen sind, gibts genug Leute, die es nicht wahrhaben wollen!
Rosa Brille absetzen, Realismus einschalten, und Selbstkritik einschalten, und in Zukunft sein Gehirn nutzen. Frage mich eh all zu oft, wozu der Mensch eins hat.
Andreas Hobi am 23.10.2008 um 17:01
@ Sandra-Lia
Irgendwie werde ich den Verdacht nicht los, dass du mit deinen immer wiederkehrenden Kommentaren gegen die von dir so ungeliebten optimistisch eingestellten Menschen in erster Linie in meine Richtung zielst. :)
Naja, man kann ja über diese Dinge denken, wie man will. Aber die Optimisten für das Übel dieser Welt verantwortlich zu machen… Mmh…
Ich bin ja nicht jemand, der die schlechten Dinge auf dieser Welt nicht sieht. Nur denke ich, dass es nichts bringt, einen “Lätsch” zu machen und griesgrämig durch die Welt zu spazieren.
Auch wenn ich mich als optimistischen Realisten bezeichnen würde: Dass Kinder Erziehung brauchen und dass die Menschheit der Umwelt sorge tragen muss, das ist mir eben so klar wie vielen anderen Menschen auch.
Anstatt zu jammern versuche ich jedoch, die Dinge (zumindest so weit ich es mit meinen bescheidenen Mitteln kann) zum Guten zu wenden: Engagement bei kiva.org, Konsum trotz Finanzkrise, etc…
Denn ich bleibe optimistisch und glaube daran: Wenn wir alle am gleichen Strang ziehen und auch ETWAS UNTERNEHMEN statt nur zu jammern, dann können wir gemeinsam diese Welt ein bisschen besser machen. ;-)
Sandra-Lia am 24.10.2008 um 11:14
Naja, es zielt nicht auf dich persönlich. Falls du das so verstanden hast, entschuldige ich mich bei dir.
Es zielt gegen den Rosa-Brille-Tragen-Optimismus im allgemeinen. Gegen jenen der SP, die behauptet, es gäbe keine Jugendkriminalität, gegen jene der SVP, die behaupten, die Wirtschaft und der Neoliberalismus sei das beste der Welt, gegen die Menschen, die immernoch behaupten, Rauchen sei nicht schädlich, Passivrauchen schon gar nicht, die meinen, der Mensch sei nicht für den Klimawandel verantwortlich, und zu guter letzt, die, die nicht wahrhaben wollen, das es sehr starke Reformen braucht.
Ich bin deiner Meinung, wir gemeinsam könnten etwas verändern, und ich trage meinen Teil dazu bei, in dem ich weniger als 1500 KW pro Jahr Strom brauche, nicht Autofahre, nicht unnötig zum Fenster rausheize. In dem ich BIO Produkte konsumiere, in dem ich Bahn fahre, in dem ich Max Havelaar Bananen esse, und (wenn ich mal einen Kaffee drinke) Max Havelaar Kaffee trinke. In dem ich über 1 KM^2 Regenwald gekauft habe (hatte damals nicht all zu viel gekostet) in dem ich Mitglied bei den Naturfreunden, beim Greenpeace, den Internationalen Jugendherbergen und der Service Civil International bin.
Ja, in der Tat, ich kann was tun. Und tue was. Doch, reicht mein, unser beider Engagement?
Da bin ich als Realistin, und zwar ohne Optimismus oder Pessimismus verbreiten zu wollen, nicht so sicher.