Der gefährlichste Bahnhof der Schweiz


Ist Thalwil der gefährlichste Bahnhof der Schweiz? Manchmal vermute ich es fast; denn täglich spielen sich dort Szenen ab, die haarsträubend sind. Menschen springen auf abfahrende Züge auf oder aus ihnen heraus und riskieren dabei im schlimmsten Fall ihr Leben.

Vergangene Woche jedoch befand sich ein Ehepaar in meinem Zug, welches alle bisherigen Fälle noch toppen konnte:

Mein Zug fuhr um ca. 16:40 Uhr mit Verspätung in Thalwil ein. Der Zug bestand aus 13 Wagen, alle ohne automatische Türverriegelung, sprich: Man kann die Türen auch kurz nach der Abfahrt noch öffnen und so im letzten Moment ein- oder aussteigen. Meiner Meinung nach dürfte es solche Wagen nicht mehr geben, denn die sind einfach viel zu gefährlich. Schon zahlreiche schlimme Unfälle sind ihretwegen geschehen. (In modernen Zügen hingegen, wie ICN oder Doppelstock, kann man die Türen nicht mehr öffnen, sobald der Zugchef den Schliessbefehl gegeben hat.) Ich war der einzige Zugbegleiter dieses langen Zuges (früher wäre es undenkbar gewesen, auf 13 Wagen nur einen Zugbegleiter zu haben), was in einem unübersichtlichen Bahnhof wie Thalwil ein Problem darstellen kann.

Bei der Einfahrt stand ich beim vorderen Teil des Zuges. Dort hatte ich eine gute, jedoch keine SEHR gute Übersicht, so dass ich mir (trotz Verspätung) die Zeit nahm und vier Wagen nach hinten lief. Als ich dort ankam, war das Perron bereits leer und es befand sich ausser mir kein Mensch mehr in der Nähe des Zuges. Um auf Nummer sicher zu gehen, gab ich trotzdem einen Achtungspfiff. Gleich danach schloss ich die Türen des Zuges und vergewisserte mich, dass alle 25 Türen geschlossen waren. Nur meine Tür blieb natürlich noch offen. Als ich sah, dass keine der anderen Türen mehr offen stand, gab ich via Abfertigungskasten das Zeichen zur Abfahrt, begab mich zu meiner Tür und beobachtete die Abfahrt des Zuges.

Kurz nachdem der Zug sich in Bewegung gesetzt hat, öffnete sich drei Wagen von mir entfernt eine Tür. Eine Frau sprang SAMT VELO aus dem abfahrenden Zug, brachte es jedoch glücklicherweise fertig, dabei nicht zu stürzen. Als ob dies nicht genug war, sprang auch noch ihr Mann hinterher! Dies ging so schnell, dass ich nicht einmal mehr die Zeit hatte, die Notbremse zu ziehen. Als ich sah, dass nichts schlimmeres geschehen ist, verzichtete ich auf die Notbremse und liess den Zug fahren.

Gerade als wir den Zimmerbergtunnel verliessen und in den Hauptbahnhof Zürich einfuhren, läutete das Telefon. Eine Mitarbeiterin des Bahnhofs Thalwil war am anderen Ende der Leitung und erzählte mir, am Schalter stünde ein Ehepaar. Der Mann habe sein Velo nicht mehr ausladen können, weil der Zug bereits am Abfahren war. Ich klärte die Mitarbeiterin darüber auf, dass wir uns insgesamt rund drei Minuten im Bahnhof Thalwil aufgehalten haben und diese Zeit eigentlich hätte reichen sollen, um mitsamt Velo auszusteigen. Ausserdem sei während der letzten 20 Sekunden vor der Abfahrt weder jemand ein-, noch ausgestiegen, weshalb ich davon ausgehen konnte, dass wir weiterfahren können. Das Hinausspringen aus dem fahrenden Zug sei grob fahrlässig gewesen. Das Velo des Mannes, so erklärte ich ihr, fahre nun mit dem Zug nach Basel, wo es dann entladen und ins Fundbüro gebracht wird. Danach könne er es entweder dort abholen, oder via Fundbüro an einen Bahnhof seiner Wahl schicken lassen.

Die SBB-Mitarbeiterin bat mich jedoch, das Velo doch bitte in Zürich auszuladen. Dieser Aufforderung folgte ich widerwillig, wies sie jedoch darauf hin, dass ich in Zürich nur wenige Minuten Zeit hätte, den Zug zu wechseln und danach mit einem anderen Zug nach Biel weiterfahren werde. Ich könne das Velo zwar auf das Perron stellen, jedoch hätte ich keine Zeit, es ins Fundbüro zu bringen. Sollte das Velo auf dem Perron gestohlen werden, könne ich keine Haftung oder Verantwortung dafür übernehmen. Sie willigte ein.

Da ich nun umsteigen musste, beendete ich das Gespräch: “Du, i muess jetzt wiiter. Schöne Abig na. Tschüss.” Danach hängte ich auf, ohne auf weitere Worte ihrerseits zu warten. Ich hoffe mal, ich habe sie durch das abrupte Ende des Gesprächs nicht zu sehr brüskiert. ;o)

Wie ich inzwischen erfahren habe, mussten SBB-Kondukteure wegen ähnlichen Vorfällen auch schon beim Vorgesetzten antraben und irgendwelche Vereinbarungen, Schuldzugeständnisse und ähnliches unterschreiben oder wurden in Einzelfällen sogar darüber in Kenntnis gesetzt, dass ein weiterer solcher Vorfall zur Auflösung des Arbeitsverhältnisses führen könne. Da frage ich mich doch ernsthaft, wieso wir Schuld daran sein sollen, dass Menschen aus abfahrenden Zügen springen.

Können wir das Hinausspringen von Fahrgästen bei diesen alten Wagen verhindern?
Nein!

Müssen wir (nachdem der Zug drei Minuten still stand und während den letzten 20 Sekunden niemand mehr ein- oder ausgestiegen ist) davon ausgehen, dass eventuell noch jemand aussteigen möchte?
Nein!

Ich gehe davon aus, dass mein Vorgesetzter einsieht, dass ich keine Schuld an diesem Vorfall trage und ihn auch nicht verhindern konnte. Ich habe alle Sicherheitsaspekte beachtet und wer mich kennt, der weiss, dass Sicherheit bei mir an erster Stelle kommt. Sollte trotzdem jemand auf mich zukommen und mir eine Vereinbarung (oder ähnliches) unter die Nase halten, welche ich unterschreiben soll, dann muss und werde ich an der Intelligenz dieses Menschen zweifeln (selbst wenn er im Auftrag Dritter handelt) und kann ihn in Zukunft nicht mehr ernst nehmen. Meinen Respekt hätte er dann verloren.

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Bild © bartmaguire (flickr.com)

7 Kommentare zu “Der gefährlichste Bahnhof der Schweiz”

  1. Fabian Held am 15.10.2007 um 09:52

    Züge aus denen man nach Abfahrt noch rausspringen kann? Na das hört sich aber nicht sonderlich sicher an.

    Bin da voll und ganz deiner Meinung: Sollten abgeschafft werden.

  2. Andreas (schweizweit.net) am 15.10.2007 um 09:58

    Solange der Zug mit einer Geschwindigkeit von 5 km/h oder weniger fährt, lassen sich die Türen noch öffnen. Danach nicht mehr.

  3. RAFF am 15.10.2007 um 12:41

    Eigentlich ist es egal ob du da nicht richtig aufgepasst hast oder nicht. Wenn mein Fahrrad noch drin ist, springe ich doch nicht aus dem Zug? Ich wäre einfach bis zum nächsten Bahnhof weiter gefahren…
    Aber das ist doch so was ähnliches wie die auf der Autobahn die eine Ausfahrt verpassen, kurzerhand den Rückwärtsgang reinlegen oder sogar den wagen wenden um zurückzufahren. Einfach hirnverbrannt!

  4. Fabi am 15.10.2007 um 12:47

    Seh’ ich genauso. Ist immernoch ein öffentliches Verkehrsmittel und kein Real-Life-Action-Film ;)

  5. Adrian am 15.10.2007 um 21:14

    Da habe ich auch schon eine Story erlebt. Ich war im HB gegen das Perronende hin am Züge fotografieren und beobachtete einen der ausfahrenden Züge auf dem gleichen Perron. Im hinteren Teil des Zuges, war ein junger Tourist schreiend am Zug hängend und wollte unbedingt einsteigen (Wagen war soviel ich weiss ein Bpm 51). Er hängte also die ganze Perronlänge am Wagen und schaffte es natürlich nicht mehr einzusteigen. Gerade als er am Ende des Perrons anlangte und abgesprungen war, zog im Zug noch jemand die Notbremse, so dass derjenige Passagier dann doch noch einsteigen konnte. Vermutlich hatte dieser das Gepäck schon im Zug und war nochmals ausgestiegen.

    Fotos der Fahrt habe ich gemacht, aber müsste etwas suchen gehen.

  6. Andreas (schweizweit.net) am 15.10.2007 um 21:21

    Bei manchen Menschen könnte man meinen, ihr Leben hange davon ab, ob sie es noch auf den Zug schaffen…

    (Oder, wie in meinem Fall: –> Aus dem Zug schaffen.)

  7. Fabi am 16.10.2007 um 13:41

    Ja, sieht am Bahnhof wirklich oft so aus. Fünf Minuten früher losgehen, kann ja nicht soooooo ein großes Problem sein. Dann passt’s auch mit der Zeit..

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