Alle Vor- und Nachteile von Schichtarbeit

von Andreas Hobi am 5. Oktober 2007 · 1 Kommentar

Viele Mitarbeiter der Deutschen Bahn (DB) oder der Schweizerischen Bundesbahn (SBB) und anderer Unternehmen arbeiten in Schichten (ca. 15-20% der Arbeitnehmer in der Schweiz; siehe Quelle 1). Doch diese Schichtarbeit geht nicht spurlos am Körper vorüber; während man in jungen Jahren noch problemlos klar kommt mit den unterschiedlichen Tagesabläufen, so wird es mit dem Alter je länger je schwieriger, damit umzugehen.

Die Gesetzgebung definiert es folgendermassen:

Art. 34 Schichtarbeit und Schichtwechsel
(Art. 25, 6 Abs. 2 und 26 ArG)

  1. Schichtarbeit liegt vor, wenn zwei oder mehrere Gruppen von Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen nach einem bestimmten Zeitplan gestaffelt und wechselweise am gleichen Arbeitsplatz zum Einsatz gelangen.
  2. Bei der Gestaltung von Schichtarbeit sind die arbeitsmedizinischen und arbeitswissenschaftlichen Erkenntnisse zu beachten.
  3. Bei zweischichtiger Tagesarbeit, die nicht in den Nachtzeitraum fällt, darf die einzelne Schichtdauer, Pausen inbegriffen, 11 Stunden nicht überschreiten. Die Leistung von Überzeitarbeit nach Artikel 25 ist nur an sonst arbeitsfreien Werktagen zulässig und soweit, als an diesen Tagen nicht gesetzliche Ruhe- oder Ausgleichsruhezeiten bezogen werden.
  4. Bei drei- und mehrschichtigen Arbeitszeitsystemen, bei denen der Arbeitnehmer oder die Arbeitnehmerin alle Schichten durchläuft, gilt Folgendes:
  • die einzelne Schichtdauer darf 10 Stunden, Pausen inbegriffen, nicht überschreiten
  • der Schichtwechsel hat von der Früh- zur Spät- und von dieser zur Nachtschicht (Vorwärtsrotation) zu erfolgen. Eine Rückwärtsrotation ist ausnahmsweise zulässig, wenn dadurch der Arbeitnehmer oder die Arbeitnehmerin regelmässig längere wöchentliche Ruhezeiten von drei und mehr Tagen erhält
  • die Leistung von Überzeitarbeit nach Artikel 25 ist nur an sonst arbeitsfreien Werktagen zulässig und soweit, als an diesen Tagen nicht gesetzliche Ruhe- oder Ausgleichsruhezeiten bezogen werden

Definition gemäss Wikipedia:

Mit Schichtarbeit oder Schichtdienst wird diejenige Arbeitsform bezeichnet, die notwendig ist, um einen Betrieb länger als für die übliche Tagesarbeitszeit oder gar rund um die Uhr in Gang zu halten.

Dazu werden die Arbeitenden in unterschiedliche “Schichten” bzw. “Diensten” eingeteilt, beispielsweise im Dreischichtbetrieb eine Frühschicht von 6 bis 14 Uhr, eine Spätschicht von 14 bis 22 Uhr und eine Nachtschicht von 22 bis 6 Uhr.

Im Industriebereich sind folgende Systeme weit verbreitet:

  • Zweischichtbetrieb, der als Faustregel zwei nacheinander liegende 8 h-Arbeitstage, also eine Maschinenauslastung von 16 h pro Tag ermöglicht.
  • Dreischichtbetrieb, der wie oben beschrieben einen Rundum-Betrieb in der Woche ermöglicht.
  • Vierschichtbetrieb bzw. Fünfschichtbetrieb, der einen kontinuierlichen Betrieb 7 Tage und 24 h (168 h/4 = rechnerisch 42 h-Woche bzw. 168 h/5 = rechnerisch 33,6 h-Woche) ermöglicht.

In Dienstleistungsunternehmen und zunehmend auch in der Industrie wird aber häufig nicht (mehr) mit festen Schichtgruppen gearbeitet sondern es kommen andere Systeme zum Einsatz (z. B. Gruppenkombinationen, bei denen mehrere kleine Teams so geplant werden, dass immer genügend Personen da sind, aber andere Betriebszeiten und Arbeitszeiten möglich sind z. B. 9 Teams, von denen immer 2 da sind können 7 x 24 = 168 h-Betriebszeit mit 37,6 h-Arbeitszeit abdecken). Vielfach wird auch sehr individuell geplant.

Je nach Art des Betriebs werden andere Schichten oder auch überlappende Zeiten zur Arbeitsübergabe eingeplant. Die genauen Regelungen zu Arbeitszeiten und Zuschlägen werden im allgemeinen in den Tarifverträgen grundsätzlich festgelegt und in Betriebsvereinbarungen für das jeweilige Unternehmen bzw. den Standort detailliert.

Üblicherweise wird die Schicht des einzelnen Angestellten turnusmäßig gewechselt (z. B. 5 Tage in einer Schicht, dann zwei freie Tage, dann 5 Tage in einer anderen Schicht usw.), es gibt aber auch Menschen, die nur in einer bestimmten Schicht arbeiten wollen oder können (Dauernachtdienst usw.) Z. T. gibt es aber auch Systeme, bei denen z. B. monatlich neu und eher individuell geplant wird.

In meinem Job als Zugbegleiter wechseln sich die unterschiedlichen Dienste (Schichten) täglich ab. Nur ganz selten kommt es vor, dass ich die gleiche Tour zwei- oder mehrmals in Folge habe. Generell beginnen wir nach den Freitagen mit einem Spätdienst und enden vor den nächsten Freitagen mit einem Frühdienst. Manchmal ist es auch umgekehrt oder wild durchmischt. Die Pause zwischen den Schichten beträgt bei mir normalerweise zwischen 12 und 15 Stunden, maximal waren es einmal 25 Stunden.

Wenn die Schweizerische Bundesbahn (SBB) unsere Einteilung macht, muss sie sich unter anderem an folgende Punkte halten:

Arbeitsschicht
Die Arbeitsschicht darf im Durchschnitt von 28 Tagen oder in einem geschlossenen Tourenablauf 11 Stunden nicht überschreiten.

Ausnahme: 15 Stunden
Aus folgenden Gründen kann die Arbeitsschicht mit Zustimmung des beteiligten Personals oder im Rahmen der betrieblichen Mitwirkung ausnahmsweise bis auf 15 Stunden ausgedehnt werden:

  • wegen Personalmangels als Folge von schweizerischen obligatorischen Diensten, Betriebswehr, Krankheit oder Unfall
  • zur Bewältigung ausserordentlicher und vorübergehender Aufgaben

Arbeitseinteilung
Soweit möglich sind Abstände von mehr als 10 Tagen zwischen arbeitsfreien Tagen zu vermeiden; Abstände von mehr als 12 Tagen sind nur im Einzelfall mit Zustimmung des beteiligten Personals oder im Rahmen der Delegationsnorm erlaubt. Im Einzelfall mit Zustimmung des beteiligten Personals oder im Rahmen der Delegationsnorm sind ausnahmsweise maximal 28 Tage Abstand zwischen arbeitsfreien Sonntagen zulässig.

Ruheschichten
Die Ruheschicht umfasst den Zeitraum zwischen 2 Arbeitsschichten und beträgt im Durchschnitt von 28 Tagen mindestens 12 Stunden. Sie darf an einzelnen Tagen auf 11 Stunden herabgesetzt werden.

Die Ruheschicht darf ausnahmsweise im Einzelfall mit Zustimmung des beteiligten Personals oder im Rahmen der betrieblichen Mitwirkung bis auf 9 Stunden verkürzt werden.

Soweit die Theorie. ;o) Doch was ist mit den Auswirkungen dieser Schichtarbeit auf den Körper? Unregelmässige Schlaf- und Essenszeiten hinterlassen ihre Spuren und fordern den Körper heraus. Da ich noch jung bin spüre ich keine negativen Konsequenzen der Schichtarbeit. Ältere Mitarbeiter jedoch sagten schon öfters, dass sie je länger je mehr Mühe mit den Schichtwechseln haben und gerne wieder zu regelmässigen Zeiten essen und schlafen würden.

Gesundheitliche Riskiken der Schichtarbeit

Häufige Krankheiten und Beschwerden, welche in Zusammenhang mit der Schichtarbeit auftreten können sind:

  • Schlafstörungen
  • Depressionen
  • Magengeschwüre
  • Bluthochdruck
  • Herz-Kreislauferkrankungen

Schichtarbeit ist physisch (und teilweise auch psychisch) belastend und behindert soziale Aktivitäten (man kann Vereine zum Beispiel nicht regelmässig besuchen), was sich negativ auf die Work-Life-Balance auswirkt. Auch eine Beeinträchtigung während der Erholungsphasen ist nicht auszuschliessen. Als Hauptgrund für gesundheitliche Probleme infolge Schichtarbeit wird oft der Serotoninmangel genannt.

Positive Seiten der Schichtarbeit

Doch auch die positiven Seiten der Schichtarbeit dürfen nicht unerwähnt bleiben. So hat man zum Beispiel das Gefühl, dass man öfters frei habe als jene Menschen, welche einen 9-17-Arbeitstag haben. Manchmal hat man auch mehr von den arbeitsfreien Tagen, wenn man zum Beispiel um 12:30 Uhr Feierabend hat, danach zwei freie Tage folgen und man dann am dritten Tag um 16:30 Uhr wieder arbeiten geht. Obwohl man nur zwei freie Tage hat, fühlt es sich wie drei an. :)

Zudem erhalten wir bei der SBB Zeitzuschläge für unregelmässiges Arbeiten:

  • 10% für die Arbeit zwischen 20 und 24 Uhr
  • 30% für die Arbeit zwischen 24 und 4 Uhr
  • 40% statt 30% ab Beginn des Kalenderjahres, in dem die Mitarbeiterin oder der Mitarbeiter das 55. Altersjahr vollendet

Finanzielle Zuschläge gibt es folgende:

  • Die Zulage für Nachtarbeit beträgt CHF 6.- pro Stunde
  • Die Zulage für Sonntagsarbeit beträgt CHF 10.- bis 15.- pro Stunde

Tipps für die Schichtarbeit

  • Achten Sie auf gute Schichtpläne, bei denen möglichst nur wenige Nächte in Folge zu arbeiten ist anstatt der häufig angesetzten 6 – 10 Nächte. Der Körper muss sich dann nicht umstellen und Sie haben weniger Schlafprobleme
  • Auf Nachtschichten sollten möglichst lange Ruhephasen folgen, am besten nicht unter 24 Stunden
  • Um Schichtarbeit erträglicher gestalten zu können ist eine Betrachtung der jeweiligen individuellen Situation notwendig. Arbeitsabläufe, Anforderungen und Auswirkungen in Krankenhäusern sind anders als am Fliessband
  • Achten Sie darauf, nach einer Spät- oder Nachtschicht nicht zu viel Helligkeit zu sehen, daher am besten Sonnenbrille aufsetzen
  • Ernähren Sie sich bewusst gesund mit kleinen Portionen Kohlehydraten, Obst und Gemüse. Vermeiden Sie Fett und Kaffee. 4 Stunden vor dem Schlafengehen sollten Sie koffeinhaltige Getränke meiden, um Ein- und Durchschlafschwierigkeiten zu umgehen
  • Menschen, die besser am Abend oder in der Nacht arbeiten können, eignen sich eher für Schichtarbeit als Morgentypen. Älteren Menschen fällt in der Regel Schichtdienst schwerer als jüngeren
  • Machen Sie Pausen. Diese reduzieren Müdigkeitserscheinungen und fördern die Konzentrationsfähigkeit
  • Gehen Sie als Nachtschichtarbeiter zu festen Zeiten schlafen, auch an den freien Tagen. Als Wechselschichtarbeiter sollten Sie sich bereits einige Tage vor der neuen Schicht auf die Schlaf- und Wachphasen einstellen
  • Gönnen Sie sich kurze Nickerchen. Sie helfen, Schlafdefizite auszugleichen
  • Nehmen Sie Schlafmittel nur über kurze Zeiträume ein, um Abhängigkeiten zu vermeiden. Ausserdem wirken sie häufig länger als 8 Stunden, was zu einer Beeinträchtigung der Leistungsbereitschaft führen kann
  • Schlafen Sie in kühlen und dunklen Räumen. Arbeiten und fernsehen Sie nicht im Bett. Verringern Sie Aussengeräusche, indem Sie z.B. das Telefon abschalten.
  • Störender Lärm lässt sich auch durch gleichmässige Rauschgeräusche überdecken
  • Bevorzugen Sie auch am Arbeitsplatz eher niedrige Temperaturen. Helle Räume und koffeinhaltige Getränke helfen, wach zu bleiben
  • Versuchen Sie, vorhersehbare und zuverlässige Schichtpläne zu erhalten

Studie zur Schichtarbeit am Beispiel der SBB

Ursula Wyss vom Forschungsinstitut für Freizeit und Tourismus an der Uni Bern (Schweiz) untersuchte in einer Dissertation, wie sich die Schichtarbeit auf die sozialen Kontakte und das Freizeitverhalten der betroffenen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auswirkt. Sie fand heraus, dass Schichtarbeitende trotz ihrer unregelmässigen Arbeitszeiten sozial nicht isoliert sind. Ihre Studie basiert auf den Daten von über 600 Bahn-Mitarbeitern.

Was Wyss herausfand:

  • Die Schichtarbeitenden der SBB verbringen mehr Freizeit ausser Haus als andere Angestellte
  • Die Schichtarbeitenden haben täglich rund eine Viertelstunde mehr Freizeit aufgrund kürzerer Arbeitszeiten
  • 19% der Schichtarbeiter leben in Einpersonenhaushalten (bei Nicht-Schichtlern sind es 14%)
  • 31% der Schichtarbeiter, welche nicht alleine wohnen, teilen die Wohnung mit jemandem, welcher auch Schicht arbeitet

Quelle 1: http://www.schichtarbeit.ch/
Bild 1 © jurvetson (flickr.com)
Bild 2 © Jamie Durrant (flickr.com)

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Andreas Hobi arbeitet seit 2001 bei der SBB und dort seit 2004 beim Zugpersonal. In seiner Freizeit schreibt er auf schweizweit.net von seinen Erlebnissen und über andere spannende Stories aus der Welt des öffentlichen Verkehrs.

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{ 1 Kommentar… lies ihn unten oder schreib selbst einen }

Schichtdienst nur für Jüngere? Mai 6, 2010 um 18:49

Junge Arbeiter haben eher Vorteile mit der Schichtarbeit. So haben sie, wie oben erwähnt, das Gefühl öfters frei zu haben. Je älter man wird, umso relativer wird dieser “Vorteil”. Die körperlichen Schwierigkeiten nehmen im Alter schneller zu, als einem lieb ist. Ich spreche da aus eigener Erfahrung.
Der Beitrag ist aber sehr informativ, danke.

Gruß
Christian

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