Dumme Schüler wegen dummen Lehrern? Gründe für das schlechte Abschneiden in der PISA-Studie

von Andreas Hobi am 17. September 2007 · 11 Kommentare

Jedes Jahr nach der Veröffentlichung der aktuellen PISA-Ergebnisse fragt sich die ganze Schweiz: “Sind wir wirklich so dumm?” Und vor allem: “Sind wir wirklich so schlecht?” Diverse Gründe wurden genannt, die ich hier jetzt nicht alle wiederkäuen will. Stattdessen komme ich mit einer völlig neuen Variante:

Die Schüler sind so dumm, weil einige Lehrer noch dümmer sind!

Wie ich auf diese Idee komme? Hier die Erklärung dazu:

Kürzlich war ich Zugchef auf einem Rheintalexpress von Chur nach St. Gallen. Zudem war ich der einzige Zugbegleiter auf diesem Zug. Ich wurde im Voraus darüber informiert, dass im hintersten Wagen 30 Plätze für eine Schulklasse reserviert sind. (Ein halber Wagen) Also versicherte ich mich eine halbe Stunde vor der Abfahrt, ob die Reservationszettel an den Fenstern und Türen des Wagens hangen. Und ich stellte fest: Verteilt über den halben Wagen hingen 6 (!) A4-Zettel. Das sollte reichen. Dachte ich.

Eine Viertelstunde später trudelte der Lehrer mit seinem Anhang ein. Wie ich es erwartet hatte, begab er sich an den Zugschluss. Doch dann kehrte er wieder um und kam samt Klasse zu mir. Ohne ein “Grüezi” oder eine andere Begrüssung legte er gleich los: “Chönt Sie mier bitte säge, wo da i dem huere Zug für eus reserviert isch?!?!? Mir händ reserviert! Händ Sie’s mal wieder nöd annebracht! Isch doch immer z’gliche mit dem Scheissverein! Würklich!”

Ich: “Grüezi zerschtemol. Mir händ für Sie im hinterste Wage reserviert. Döt wo bezettlet isch.”

Lehrer: “Än Schissdreck isch agschriebe!”

Ich: “Mmh… Ok, denn hätts vermuetlich öpper weg gnah. Wil vorere Viertelstund sind diä Zettel na dranne gsi. Jänu, chömet Sie mit, i zeig Ihne wo Sie chönt sitze.”

Wir begaben und zum hintersten Wagen und zu meinem grossen Erstaunen sah ich die Reservationszettel schon von weitem. Ich zeigte sie ihm und er meinte nur: “Vor 5 Minute sind diä Dinger nanig da ghange!”

Ich sagte ihm nur noch, dass es bestimmt so sei, wie er es sage. Hatte keine Lust auf eine Diskussion. ;o) So, nun war die Klasse also versorgt und würde mir keine Sorgen mehr machen. Dachte ich.

In Altstätten SG hätte die Klasse aussteigen sollen. Nachdem der Zug anhielt, stiegen Leute aus, andere Leute stiegen ein… Doch, wo ist die Klasse? Ich habe sie nicht aussteigen sehen. Ich rannte also zum hintersten Wagen (wir waren zu diesem Zeitpunkt bereits zu spät) und wollte nach der Klasse schauen. Dann der Schock:

Die Klasse war zwar am Aussteigen, jedoch auf der falschen Seite! Auf der einen Seite des Zuges hatte es ein Perron (dort stiegen alle anderen Leute auch aus) auf der anderen Seite war ein Gleis. Neben diesem Gleis stand jetzt die Schulklasse samt Gepäck. Normalerweise müsste in den nächsten 5-10 Minuten ein Güterzug durchfahren. Manchmal kommt dieser aber auch früher. Eile war also geboten. Ich versuchte, die ganze Klasse schnellstmöglich durch den Wagen auf die Perronseite zu lotsen. Nach kurzer Zeit war es dann auch geschafft und niemandem ist etwas zugestossen.

Dann kam der Lehrer wieder. Wollte mich beschimpfen, weil ich ihn und seine Schüler angeschrien habe. Dabei hatte ich nur geschrien, um ihnen den Ernst der Lage klar zu machen. Wie wir es gelernt haben: Im Notfall SCHREIEN! Ich wies den Lehrer nur darauf hin, dass er doch besser einfach froh sein soll, dass niemandem etwas zugestossen sei und gab ihm den Tipp, bei der nächsten Schulreise die Intelligenz nicht zuhause liegen zu lassen.

Danach fuhren wir weiter. Mit etlichen Minuten Verspätung.

Drei Minuten später fuhr der Güterzug an uns vorbei.

Ich staune über die Dummheit dieses Lehrer und überlege mir, ob ich die zuständige Schulleitung über sein Verhalten und vorallem über den Vorfall in Altstätten informieren sollte. Schliesslich hat er dort das Leben seiner Schüler gefährdet. So ein Mensch darf nicht Lehrer sein, in meinen Augen.

Bild © Edward B. (flickr.com)

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Andreas Hobi arbeitet seit 2001 bei der SBB und dort seit 2004 beim Zugpersonal. In seiner Freizeit schreibt er auf schweizweit.net von seinen Erlebnissen und über andere spannende Stories aus der Welt des öffentlichen Verkehrs.

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{ 11 Kommentare… lies sie unten oder schreib selbst einen }

Daniel September 17, 2007 um 09:54

Mein Beileid!

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Pascal September 17, 2007 um 10:05

Hallo Andreas

Also wenn ich Dich wäre, würde ich das auf alle Fälle melden.

- Arroganz
- fahrlässiges Verhalten um Bahnanlagen mit akuter Lebensgefahr für alle beteiligten

Ich denke, die Gründe sollten zumindest für eine schriftliche Entschuldigung und versprechen der Besserung seitens des Lehrers genügen…

Na ja, vielleicht mag der zweite Punkt zu extrem erscheinen… aber nicht umsonst heisst es immer: “Geleise überqueren verboten”…

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Chris September 17, 2007 um 11:24

Hallo zusammen

Ich gebe Pascal absolut recht! Ich selbstb in in der Lehrerausbildung und der Lehrer ist haftbar für die Schülerinnen und Schüler. Da ein Perron vorhanden war und es absolut keinen Grund gab, auf der anderen Seite auszusteigen, läuft das unter grob fahrlässiges Handeln… auch wenn niemand zu Schaden kam.
Sowas kann nicht sein.

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Andreas (schweizweit.net) September 17, 2007 um 11:50

Wie ich heute von einem Kondukteur erfahren habe, ist es anscheinend so, dass es vor vielen Jahren (er schätzt dass es mindestens 8-10 Jahre seien) in Altstätten noch kein Perron gab.

Es kann daher sein, dass der Lehrer seither nicht mehr in diesem Bahnhof war und einfach mal davon ausging, dass sich acht Jahre lang nichts verändert hat… Erklären kann ich es mir trotzdem nicht so ganz. Er hätte doch wenigstens einen kurzen Blick auf die andere Seite des Zuges werfen können oder so.

Ich stelle mal die Behauptung auf, dass eine Schulreise mit einer Klasse für diesen Lehrer eine so grosse psychische Belastung darstellt, dass er in einer solchen Situation nicht mehr klar denken kann.

Naja, wie dem auch sei, ich hoffe mal, dass dies ein Einzelfall bleibt. (Für mich als Kondukteur sowie auch für ihn als Lehrer.)

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Pascal September 17, 2007 um 11:54

ob der Lehrer in diesem Fall den Beruf verfehlt hat?

He, es geht hier um junge Teenager… stell Dir mal vor, der Güterzug wäre eher gekommen… und hätte so drei, vier Teenies mitgerissen… ich glaube, das ist nicht allen bewusst… ich finde das ehrlich gesagt schon sehr bedenklich und verantwortungslos – auch gegenüber der Eltern…

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Chris September 17, 2007 um 11:59

Deine Vermutung Andreas, könnte schon stimmen. Wenn ein Lehrer allerdings eine Schulreise durchführt, dann muss man (sonst läuft wirklich etwas schief) diese Reise grundsätzlich vorher rekognoszieren… Sprich: Der Herr müsste schon in Altstätten gewesen sein und auch bemerkt haben, dass es nun ein Perron gibt…

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Andreas (schweizweit.net) September 17, 2007 um 12:11

@ Pascal: Da die Strecke vor und nach Altstätten relativ gerade ist, hätte der Lokführer des Güterzuges die Gruppe vielleicht früh genug gsehen, um Warnsignale zu geben. Zudem befindet sich um Altstätten eine Baustelle, so dass er sein Tempo sowieso hätte drosseln müssen. Trotzdem wäre es eine gefährliche Situation gewesen.

@ Chris: Die Lehrer meiner Schulzeit haben die Strecke immer im Voraus erkundet, selbst dann, wenn sie genau diese Reise bereits einmal mit einer anderen Klasse gemacht haben. Dies war vom Schulrat Sargans so vorgeschrieben. Ob der oben erwähnte Lehrer dies auch gemacht hat, kann ich nicht beurteilen. Es wäre natürlich auch vorstellbar, dass er “im Stress” vergessen hat, auf welcher Seite er bei der Rekognoszierung ausgestiegen war…

Ich finde diese ganze Story nach wie vor eine äussert “komische Geschichte” und kann es mir nicht erklären, wie es dazu kommen konnte.

Trotzdem muss ich ganz klar erwähnen, dass dies ein Einzelfall war. Der Grossteil der Lehrer in meinen Zügen verhalten sich absolut korrekt, achten auf ihre Schüler und darauf, dass diese im Zug keinen Unsinn machen und sorgen oftmals auch dafür, dass die Schüler den Wagen so verlassen, wie sie ihn angetroffen haben.

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Adrian September 17, 2007 um 21:18

Natürlich ist die SBB schuld, weil auf der Strecke noch altes Rollmaterial eingesetzt wird, das keine selektive Öffnung erlaubt.

Vermutlich war sich der Lehrer auch zu schade, zu fragen auf welcher Seite er aus dem Zug aussteigen sollte. Möglicherweise sogar einer der Lehrer, die sonst nur mit dem Auto unterwegs sind.
Und ich selber habe schon Schullager (Skilager) mitbegleitet und es hilft sicher, wenn man die ÖV kennt. Mühsam wird es nur, wenn die Reservationen von Zügen genau gegenüberliegend sind. (Strecke Zürich – Brig)

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Alexander Oktober 26, 2008 um 09:39

Wirklich bedenklich, dass es solche Lehrer gibt. Man muss schon doof sein, wenn man mitsamt der Schulklasse auf der falschen Seite aussteigt. Normalerweise guckt man ob es auf einer Seite ein Perron hat und steigt dann logischerweise auf der Seite aus, bei der es eines hat.

Aufgrund dieses Ereignisses bereits ein Berufsverbot für den Lehrer auszusprechen wäre verfrüht. Vielleicht hatte er ja nur einen schlechten Tag. Wichtig ist einfach, dass man solche Vorfälle der Schulleitung meldet. Diese “könnte” dann feststellen ob es häufiger zu solchen Vorfällen kommt und geeignete Massnahmen treffen.

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Christian Hauser Oktober 27, 2008 um 19:40

Immer wenn wir mit der Schule und dem Zug unterwegs sind, läuft alles ähnlich ab.

Die Lehrer haben reserviert, Tickets gekauft, alles schön und gut.

Sind wir dann aber einmal auf der Reise, sind die Lehrer meist hilflos. Beispiel? Wir waren in Freiburg, hatten schon 2 Minuten Verspätung und nur noch 1 Minute zum umsteigen. Ich wusste, dass wir im hintersten Wagen reserviert hatten. Ich lief (um nicht zu sagen, rannte) vor dem Rest der 60 Schüler her und spurtete los. Die Lehrer – ganz easy – hielten alle an, resp. pfiffen sie zurück und wollten eine Ansprache halten. Ich – immer mit Blick auf die Uhr und aufs Gleis – erklärte den Lehrern innert 15 Sekunden, dass der Zug von Freiburg nach Bern sicherlich nicht auf uns warten würde und dass sie jetzt so gut sein sollen, mir zu folgen.

Die Lehrer – sprachlos – gaben nun endlich die Erlaubnis, das Gleis zu wechseln, wobei sie den total falschen Aufgang erwischten und zum Zugsende laufen durften.

… Ich war schlussendlich froh, dass alle heil den Zug erreichten – welcher schliesslich 2 Minuten Verspätung hatte, wegen uns …

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Andreas Hobi Oktober 29, 2008 um 01:15

Ja, das erlebe ich auch immer wieder: Nur weil die Lehrer ihre Wagen reserviert haben, denken sie, der Zug warte auf jeden Fall auf sie. So ist es aber nicht. Wir verkehren, sobald die Abfahrtszeit erreicht und das Ausfahrsignal auf grün ist. Egal ob die Schulklasse anwesend ist oder nicht.

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